Digitale Machtausübung mit ausgelagertem Terror
Die harmlose Erscheinung
Es beginnt oft harmlos, beinahe beiläufig, mit einem Satz, einer Einordnung, einem vermeintlich kritischen Hinweis in einem großen Kanal, der von vielen gehört, gesehen und bewundert wird. Und doch liegt in diesem Moment bereits eine Machtverschiebung, die vielen nicht bewusst ist, weil sie nicht laut daherkommt, sondern sich hinter Haltung, Moral und vermeintlicher Verantwortung versteckt.
Der brutale Verlauf
Denn ein Kanal mit hunderttausenden oder gar Millionen Followern ist kein Gesprächspartner mehr, kein gleichwertiges Gegenüber im Austausch von Meinungen, sondern eine Bühne mit enormer Reichweite, von der aus Deutungen gesetzt werden, Narrative entstehen und Menschen – oft Einzelne – plötzlich im Lichtkegel einer Masse stehen, die nicht fragt, nicht zuhört und nicht verstehen will, sondern reagiert, bewertet und brutal zuschlägt.
Was dann geschieht, ist kein Diskurs, sondern eine Dynamik, die wir aus der Geschichte kennen, auch wenn sie heute ein digitales Gewand trägt: Die Masse fühlt sich legitimiert, der Einzelne fühlt sich sicher im Kollektiv, und aus Worten werden Angriffe, aus Meinungen werden Urteile, aus Kritik wird Verachtung, bis hin zu Beschimpfungen, Drohungen und einer Entmenschlichung, die erschreckend schnell geschieht, weil sie anonym, enthemmt und scheinbar folgenlos ist.
Die Rolle der Mächtigen
Besonders perfide ist dabei die Rolle jener, die diese Kanäle betreiben, denn sie müssen selten offen zur Jagd blasen, sie müssen niemanden explizit auffordern, anzugreifen oder niederzumachen, es genügt oft ein Framing, ein „Das sollte man schon kritisch sehen“, ein „Schaut euch das mal an“, ein gezielt gesetzter Zweifel, der dann von der Menge aufgenommen, verstärkt und in eine Welle verwandelt wird, während die Urheber sich zurücklehnen, ihre Reichweite wachsen sehen und sich weiterhin als die Guten, die Aufklärer, die Verantwortungsbewussten inszenieren.
So entsteht eine Form ausgelagerter Gewalt, bei der die Hände sauber bleiben sollen, während der tosende Mob die Arbeit erledigt, und genau darin liegt die Gefahr, denn Verantwortung wird verschoben, verwässert und letztlich verleugnet, obwohl die Wirkung real, massiv und für die Betroffenen oft verheerend ist.
Notstand für das Nervensystem der Opfer
Für jene, die ins Visier geraten, ist ein solcher digitaler Angriff kein Sturm im Wasserglas, kein „Man darf das nicht so ernst nehmen“, sondern eine existentielle Erfahrung, bei der das Nervensystem in Alarm gerät, bei der Angst, Scham, Ohnmacht und Selbstzweifel entstehen, bei der Schlaflosigkeit, Herzrasen und Rückzug keine Übertreibungen sind, sondern logische Reaktionen eines Menschen, der plötzlich von tausenden Stimmen gleichzeitig angegriffen wird, ohne sich wehren zu können.
Der Mensch ist evolutionär nicht dafür gemacht, von einer anonymen Masse bewertet, beschimpft und bedroht zu werden, und doch tun wir so, als sei das ein normaler Teil öffentlicher Debatten, als müsse man das aushalten können, wenn man eine andere Meinung hat, und übersehen dabei, dass hier nicht Meinungen aufeinandertreffen, sondern Macht auf Verletzlichkeit.
Die Moral als gesellschaftliche Verrohung
Was dabei schleichend verloren geht, ist nicht nur die mentale Gesundheit Einzelner, sondern die Fähigkeit einer Gesellschaft, mit Unterschiedlichkeit umzugehen, denn wo Abweichung bestraft wird, entsteht Anpassung, wo Widerspruch vernichtet wird, entsteht Schweigen, und wo Moral zur Waffe wird, stirbt Differenzierung.
Besonders gefährlich ist die moralische Überhöhung, mit der solche Angriffe oft gerechtfertigt werden, denn wer sich auf der richtigen Seite wähnt, wer glaubt, für das Gute zu kämpfen, verliert schnell jedes Maß, jede Selbstreflexion und jede Empathie, und genau hier zeigt sich eine alte Wahrheit in neuem Gewand: Grausamkeit fühlt sich dann besonders legitim an, wenn sie im Namen der Moral geschieht.
Soziale Medien werden asozial
So verwandeln sich soziale Medien, die einst als Räume für Austausch, Verbindung und Vielfalt gedacht waren, in Arenen der Einschüchterung, in denen nicht die besseren Argumente gewinnen, sondern die größere Gefolgschaft, und in denen viele lieber mitbrüllen oder schweigen, als selbst ins Visier zu geraten.
Die Folge ist eine stille, aber tiefgreifende Verarmung unseres Denkens, unseres Fühlens und unseres Miteinanders, denn mentale Gesundheit braucht Sicherheit, Diskurs braucht Respekt, und Verantwortung beginnt dort, wo Macht nicht verleugnet, sondern bewusst getragen wird.
Unsere Verantwortung
Was es braucht, sind nicht noch mehr Empörung, nicht noch mehr Gegengewalt und nicht noch lautere moralische Parolen, sondern Menschen mit Reichweite, die sich ihrer Wirkung bewusst sind, die moderieren statt eskalieren, die schützen statt anheizen, und die den Mut haben, auch dann Verantwortung zu übernehmen, wenn es weniger Applaus bringt.
Und es braucht Menschen, die sich erinnern, dass Andersdenken kein Angriff ist, sondern eine Grundlage von Freiheit, und dass eine Gesellschaft, die ihre Abweichler vernichtet, am Ende sich selbst beschädigt – langsam, leise und oft zu spät bemerkt.
Euer